Werner Bergmann/Wilhelm Heitmeyer

Antisemitismus: Verliert die Vorurteilsrepression ihre Wirkung?

(Vorabversion eines Kapitels in: Deutsche Zustände, Folge 3, Suhrkamp, 2004)

1. Die These
2. Zur Entwicklung des Antisemitismus in der Bevölkerung
3. Erodiert die Kommunikationslatenz?
4. Erosionselemente
5. Zur Beschleunigung der Erosion: Entschuldungsverlangen in der Bevölkerung
6. Das Schweigen der Gegenkräfte
7. Zur Zukunft der Kommunikationslatenz

1. Die These

Seit dem Frühjahr 2002 wird über einen „neuen Antisemitismus“ in Europa diskutiert, der sich nicht mehr nur direkt, sondern auch auf Umwegen über die israelische Politik gegen die Gruppe der Juden richte. Die alten Stereotype sind damit nicht verschwunden, aber es gibt neue Wege, um Wirkung zu erzielen. Damit stellen sich zumindest zwei Fragen: Gibt es in den verfügbaren empirischen Daten der letzten Jahre Hinweise auf eine größere Äußerungs- und Diskriminierungsbereitschaft in der Bevölkerung? Gibt es Umwegkommunikationen bei Eliten und in der Bevölkerung, um neue Wege zur Artikulation antisemitischer Vorurteile zu beschreiten? Vor diesem Hintergrund soll die These von der Erosion der Kommunikationslatenz, also der nachlassenden Effektivität der Vorurteilsrepression diskutiert werden, die sich aus dem Zusammenspiel von Elitendiskursen und Einstellungsentwicklungen in der Bevölkerung ergibt.

2. Zur Entwicklung des Antisemitismus in der Bevölkerung

Wir konnten für die Bundesrepublik einen langsamen, aber stetigen Rückgang in der Verbreitung antisemitischer Vorurteile vor allem in den jüngeren Generationen konstatieren. In den letzten Jahren ist das Bild der Meinungsentwicklung allerdings diffuser geworden. Die ist zeitweilig von einer Zunahme antisemitischer Straftaten begleitet sowie von einer Häufung öffentlicher Konflikte über antisemitische Äußerungen (Walser, Zwangsarbeiterentschädigung, Hohmann etc.).

Die Ergebnisse zweier Studien, die jeweils antisemitische Einstellungen mit einer identischen Antisemitismusskala im Abstand von fünf bzw. von einem Jahr(en) erhoben haben, zeigen sogar eine schwache Zunahme. Die Studie Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) hat von 2002 auf 2003 eine Veränderung der Zustimmung von 12,7% auf 14,6% gemessen, das Forsa-Institut hat 2003 mittels einer Antisemitismusskala aus sechs Items gegenüber 1998 ebenfalls eine leichte Veränderung des Anteils antisemitisch eingestellter Personen von 20% auf ca. 23% ermittelt. Auch die Einschätzung über die Entwicklung antisemitischer Einstellungen allgemein und im eigenen Bekanntenkreis zeigt in den letzten Jahren einen negativen Trend. Nach Forsa nahmen 1998 nur 15% eine negative Einstellungsentwicklung wahr, 2003 waren es doppelt so viele, und im Bekanntenkreis bemerkten ebenfalls mehr Befragte eine negative Einstellung zu Juden als 1998: die Nennung „keine“ sank von 67% im Jahre 1998 auf 59% im Jahre 2003, „etwa die Hälfte“ stieg von 4% auf 6%, „fast alle“ blieb bei 3% und bei „wenigen“ Bekannten sahen 1998 17% und 2003 24% negative Einstellungen. Dies spricht insgesamt für eine negative Entwicklung des Meinungsklimas. Von ablehnenden Äußerungen über Juden in Familie oder Bekanntenkreis berichteten in der GMF-Studie von 2002 fast 20 % der Befragten (von sich selbst sagten dies: 7 % „selten“, 3,2% „manchmal“, 2% „häufig“), wobei nach eigenen Angaben jeweils ungefähr ein Drittel auf diese Äußerungen mit Abwehr (dagegen geredet: ca. 30 %) oder Zustimmung („in der Regel zugestimmt“ ca. 33 %) bzw. „überhaupt nicht reagiert“ haben (fast 38 %). Dieses Ergebnis macht deutlich, daß offenbar die für die Öffentlichkeit geltende Norm, antisemitische Äußerungen zurückzuweisen, in der privaten Kommunikation entweder nicht gilt oder nicht befolgt wird.

3. Erodiert die Kommunikationslatenz?

Das Konzept der Kommunikationslatenz nimmt an, daß einerseits antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung verbreitet sind, die in geeigneten privaten Kommunikationssituationen auch verbalisiert werden. Dem steht andererseits das öffentliche Meinungsklima entgegen. Wird die Latenz dennoch durchbrochen, wird dies moralisch durch Achtungsentzug, in schweren Fällen auch durch rechtliche Folgen sanktioniert. Solange Konsens in den politischen und kulturellen Eliten besteht, auch gegen „die Stammtische“ den Meinungsdruck aufrechtzuerhalten und sich antisemitischer Ressentiments politisch nicht zu bedienen, kann dies den Antisemitismus aus der öffentlichen Kommunikation weitgehend heraushalten und langfristig die Tradierung antijüdischer Stereotype abschwächen. Die Akzeptanz des Kommunikationsverbots basiert auf der Überzeugung, daß sich angesichts der NS-Verbrechen antisemitische Äußerungen von selbst verbieten und Juden als deren Opfern besondere Rücksichtnahme gebührt. Sie hängt historisch mit externen und internen Integrationserfordernissen der Bundesrepublik zusammen, denn das Zulassen einer offenen Kommunikation von Judenfeindschaft hätte nach 1945 das Ausland an der politischen Umorientierung und Demokratisierung des Landes zweifeln lassen. Die Staatsräson erforderte also ihre negative Sanktionierung bzw. bestimmte Regeln des Wegsehens oder der Bagatellisierung. Die Kommunikationssperre hat wohl auch deshalb gut funktioniert, weil damit ebenfalls ungenannt bleiben konnte, daß viele Zeitgenossen in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen sind. Dieses „Eigeninteresse“ fällt nun in den nachgeborenen Generationen fort und auch für die Anerkennung Deutschlands als demokratisches Gemeinwesen erscheint eine strikte Tabuisierung als nicht mehr so dringlich. Die „Sehnsucht nach Normalität“ dringt darauf, das „unnatürliche“ Kommunikationsverbot aufzuheben, das einem „normalen Verhältnis“ von Deutschen und Juden entgegensteht. Die in den letzten Jahren zu beobachtende Häufung von Konflikten hat einen geradezu inflationären Gebrauch von Mißachtungskommunikation erzwungen, was – wie bei einer Inflation üblich – zu deren Entwertung führt. Es verwundert daher nicht, daß Kritiker der Tabuisierung behaupten, Antisemitismusvorwürfe seien „billig und allgegenwärtig“.

4. Erosionselemente

Verfolgt man die These einer Erosion der Kommunikationslatenz, dann sind neben der Historisierung der Judenvernichtung auch eine Reihe gezielter Strategien zu analysieren: Formen von Umwegkommunikation und Selektivität, Tabukritik und Entlastung durch „Europäisierung“ des Holocaust.

4.1 Israelkritik als Umwegkommunikation und die Delegitimierung des jüdischen „Opferstatus“

Eine Möglichkeit, das Kommunikationsverbot zu umgehen und doch antisemitische Einstellungen zu kommunizieren, besteht im Ausweichen auf angrenzende, weniger stark tabuisierte Themen, die allerdings von den Tabubrechern zumeist als ebenfalls tabuisiert hingestellt werden. Es wird so getan, als sei jegliche Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern generell in das Kommunikationsverbot von Antisemitismus eingeschlossen, obwohl faktisch die Medien laufend kritische Berichte bringen. Damit wird diese Behauptung als eine Form der Delegitimierung des Antisemitismusvorwurfs erkennbar. Der Beitrag von Heyder/Iser/Schmidt in diesem Band kann empirisch differenziert zeigen, daß sich eine kritische Einstellung zur Politik Israels gegenüber Palästina sehr wohl von einem israelbezogenen Antisemitismus trennen läßt, der eine Übertragung der Kritik an der Politik Israels auf alle Juden beinhaltet. Die Tabuisierung antisemitischer Kommunikation hat in der Bundesrepublik zu einer Reihe von weniger inkriminierten Themenverschiebungen geführt. Eine davon, die seit 1967 genutzt wird, ist die Kritik der israelischen Besatzungspolitik. Sie wurde zunächst vor allem von der extremen Linken und Rechten praktiziert, hat sich verstärkt seit der ersten (1987) und vor allem der zweiten Intifada (Oktober 2000) und findet sich auch zunehmend im politischen Mainstream. Die internationale Diskussion um den „new antisemitism“ sieht das Neue ja gerade in dieser Verschiebung auf Israel, das nun als „kollektiver Jude“ an die Stelle der Juden in der Diaspora tritt. Aus der Tatsache, daß wie bei keinem anderen politischen Konflikt Israels Politik in den Vergleichshorizont des Nationalsozialismus gestellt wird und man ihr die Absicht eines „Vernichtungskrieges“ unterstellt, läßt sich das Motiv ablesen, durch Täter/Opfer-Umkehr den Status der Juden als Opfer des Holocaust zu relativieren. Damit wird Zweierlei erreicht: Einmal werden die Juden bzw. Israel als Kritiker der Zustände in anderen Ländern delegitimiert, der Antisemitismusvorwurf erscheint als bloßes Instrument der Abwehr von Israelkritik (so in der Karsli/Möllemann-Friedman-Debatte), zum anderen verlieren die Opfer ihren moralischen Kredit, wenn sie sich angeblich wie die früheren Täter verhalten. Indem kritische Einstellungen zu Juden auf die Politik Israels zurückgeführt werden, bekommen sie ein nachvollziehbares Motiv und erscheinen nicht mehr als irrationales antisemitisches Vorurteil, zumal dann, wenn eine solche Debatte auch in Israel selbst stattfindet. Die Vorurteilskommunikation beginnt zumeist auf zulässigem Terrain (Kritik an Israels Politik), um dann immer unverhüllter antisemitische Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen. Hat man sich einmal eines Konsenses hinsichtlich einer kritischen Haltung zu Israels Politik versichert, wirkt dies offenbar in Richtung einer Aufhebung des Kommunikationstabus auch für antijüdische Äußerungen. Angesichts der Häufigkeit solcher Alltagsgespräche muß man hier eine vielfache „Durchlöcherung“ der Kommunikationslatenz auf der privaten Ebene annehmen.

4.2 Selektivität der Latenzdurchbrechung: Israelische und amerikanische Juden

Die Durchbrechung der Latenz kann selektiv erfolgen, indem sie sich nicht auf alle Juden bezieht. Der amerikanische Politologe Andrei S. Markovits sieht eine Veränderung des europäischen Antisemitismus insoweit, als daß die Äußerung von Vorurteilen und Haß gegen die machtlosen europäischen Juden als illegitim gelte, daß sie aber wohl, oft verschwörungstheoretisch argumentierend, gegenüber den „mächtigen Juden“ in Israel und den USA geäußert werden dürften. Antisemitische Vorurteile scheinen hier so etwas wie „environmental support“ zu bekommen: in Bezug auf die jüdische Lobbymacht in den USA und den Einfluß Israels auf die USA können eher als bei den Juden im eigenen Land „empirische Evidenzen“ beigebracht werden. So wird der Einfluß der Vertretung der Juden in Deutschland nur von 20% als „zu groß“ gewertet, auf das Weltgeschehen hingegen von 25% (40% in der Umfrage des AJC 2002). Im Irak-Krieg wurden die USA für manche zum „Erfüllungsgehilfen“ Israels und der einflußreichen jüdischen/zionistischen Lobby in den USA (vgl. die beständigen Hinweise auf Juden in der Bush-Administration: Perle, Wolfowitz bzw. auf „die Ostküste“).

4.3 Elitendiskurse: die Kritik des Kommunikationstabus

Was bedeutet es für die politische Landschaft, wenn 2003 etwa 75 % bzw. 2004 fast 73 % aller CDU-Wähler angeben, sich darüber zu ärgern, „daß den Deutschen heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“ und 2003 mehr als 59 % von ihnen annehmen, die „Juden versuchten, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen“? Wie ist angesichts dieser Befunde die Wirkung einer Rede wie der des ehemaligen CDU-Abgeordneten Martin Hohmann oder von Äußerungen des verstorbenen FDP-Politikers Jürgen Möllemann einzuschätzen? Was bedeutet dies für die Position der Parteien? Sicherlich ist nicht zu erwarten, daß diese Antisemitismus offen politisch nutzen, doch könnte sich der Wille, gegen antisemitische Äußerungen auch öffentlich Position zu beziehen, abschwächen. Dies wiederum hätte Auswirkungen auf den Latenzdruck und könnte zu einer Veränderung des Meinungsklimas führen, so daß antisemitische Kommunikation mehr Äußerungschancen bekäme. Im Zuge der Möllemann-Affäre ist diskutiert worden, ob die FDP antisemitische Ressentiments gezielt zur Wählergewinnung im Wahlkampf 2002 eingesetzt habe. Das Wahlergebnis deutet nicht daraufhin, daß sie damit letztlich erfolgreich war, obwohl Wahlumfragen im Zuge der Kampagne zunächst Stimmengewinne für die Partei signalisierten. Insofern dürfte diese „Strategie“ von den anderen Parteien kaum nachgeahmt werden. Wichtiger für unseren Zusammenhang ist die Tatsache, daß die Skandalisierung Möllemanns sehr langsam anlief und die FDP zäh am Thema Israelkritik festhielt. Es entspann sich eine Diskussion über das Zutreffen/Nichtzutreffen des Antisemitismusvorwurfs bzw. über dessen Instrumentalisierung als Abwehr von Kritik an Israels Politik, in der der Vorwurf selbst als Ausgrenzung von Demokraten hingestellt wurde. Der Tabubruch Möllemanns wurde so zum Kampf für Meinungsfreiheit heroisiert, während man seinen Gegnern, allen voran Michel Friedman „Sehnsucht ... nach Begrenzung der Meinungsfreiheit“ unterstellte oder die Skandalisierung als gewolltes Mißverstehen interpretierte. Allein schon die Begriffe, mit denen die Kritik antisemitischer Äußerungen bedacht wurde, wenn von „selbst ernannter Gedankenpolizei“, „Tabuwächtern“, „Gutmenschen“ oder einer „Strategie der Einschüchterung“ die Rede war, sprechen für den Versuch, die „Grenzen des Sagbaren“ zu verschieben, indem man die Kritiker verunglimpft bzw. lächerlich zu machen sucht. Die Behauptung einer jüdischen Medienherrschaft, die ein offenes Wort über die Juden verhindere und mutige Tabubrecher erfordere, ist nun mindestens seit Heinrich von Treitschke ein zentraler Topos antisemitischer Argumentation. Der politische Konsens, daß Antisemitismus in den demokratischen Parteien nicht akzeptabel ist, hält noch – wenn auch auf den unteren Parteiebenen statt eines Achtungsentzugs der Beifall für Möllemann (40% der befragten Mitglieder nahmen 2002 für ihn Partei, 37% gegen ihn) und Hohmann (49% der CDU-Anhänger hielten seine Äußerungen für vertretbar) groß war. Hier könnte eine Verführung für populistische Politiker liegen, zumal sich das Zustimmungspotential für rechtspopulistische Positionen in der Bevölkerung von 2002 auf 2003 von 20 auf 25% erhöht hat.

4.4 Entlastung durch die Europäisierung des Holocaust und des Antisemitismus

Konzentrierte sich über Jahrzehnte die Kritik an einer mangelhaften Bewältigung der Vergangenheit und an einem Fortleben antisemitischer Einstellungen fast allein auf Deutschland (seltener auch auf Österreich) als dem Hauptschuldigen für die Verbrechen an den europäischen Juden, so läßt sich in den letzten Jahren eine Tendenz zur Europäisierung des Holocaust und des Antisemitismus erkennen. In mehreren europäischen Ländern hat man Holocaust-Gedenktage eingeführt und in den letzten Jahren sind sogar im Zweiten Weltkrieg neutral gebliebene Staaten wie die Schweiz und Schweden mit direkten und indirekten Formen ihrer Beteiligung am Holocaust (Raubgold, Rohstofflieferungen etc.) konfrontiert worden. In Polen (Jedwabne-Debatte) und anderen osteuropäischen Staaten (Restitutionsfragen) sieht man sich zu einer Beschäftigung mit der eigenen Verwicklung in den Holocaust genötigt. Man könnte hier von einer gewissen „Europäisierung von Mitschuld“ sprechen, so daß sich mancher von dem Druck der alleinigen deutschen Schuld entlastet fühlen mag. Ein Ausdruck für diese Verwandlung des Holocaust in eine „universelle Chiffre“ war das Stockholm International Forum on the Holocaust im Jahr 2000, das mit der Gründung der International Task Force on Holocaust Education ein „Umschalten“ von Vergangenheit auf Zukunft markierte, denn sie formuliert mit ihren Erziehungsabsichten „to plant the seeds of a better future amidst the soil of a bitter past“. Der Antisemitismus in Deutschland verliert damit im europäischen Kontext etwas von seiner Besonderheit. Auch daß er in anderen Ländern (wie Frankreich) heute virulenter ist als in der Bundesrepublik kann als ein Zeichen der „Normalisierung“ genommen werden. Mit dieser „Normalisierung“, so denken manche, werden Juden leichter kritisierbar, die Durchbrechung der Kommunikationslatenz erscheint weniger riskant. Das Risiko sinkt in der Wahrnehmung der Deutschen auch dadurch ab, daß von Seiten der europäischen Nachbarn, die selbst Probleme mit dem Antisemitismus haben, wenig Kritik an gelegentlichen Äußerungen von Antisemitismus in Deutschland zu erwarten ist. So bleiben als Kritiker nur die Juden selbst bzw. ihre Organisationen, Israel und Stimmen aus den USA übrig, was wiederum möglicherweise das Stereotyp des nachtragenden, keine Ruhe gebenden Juden bestätigt.

5. Zur Beschleunigung der Erosion: Entschuldungsverlangen in der Bevölkerung

Die verschiedenen Strategien in Elitendiskursen können nur Wirkung entfalten, wenn ein entsprechender Resonanzboden in der Bevölkerung vorhanden ist. In der Untersuchung zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit stimmten die Befragten sowohl 2003 als auch 2004 in hohem Ausmaße der Aussage zu, daß sie sich darüber ärgerten, wenn den Deutschen von Juden heute noch die NS-Verbrechen vorgehalten würden. Die nachfolgende Abbildung zeigt das stabile Ergebnis. Damit wird deutlich, daß diese Einstellung sogar von denen, die sich in der politischen Mitte oder gar links davon einstufen, mehrheitlich vertreten wird. Bemerkenswert ist auch, daß sich keine signifikanten Geschlechts-, Ost-West- und nur in 2004 Altersdifferenzen zeigen. Dies deutet möglicherweise auf eine breite Erosion der Bereitschaft hin, Juden aufgrund der deutschen Vergangenheit weiterhin einen Opferstatus zuzubilligen bzw. komplementär die Verantwortung für die Verbrechen zu übernehmen.

Hier fehlt eine Grafik, wird hfentlich irgendwann nachgeliefert.

Der erfaßte Ärger steht nun nicht allein, sondern im Zusammenhang mit den anderen Antisemitismus-Aussagen. Dieser ist signifikant, wenn auch nicht übermäßig hoch. Höher fällt die Korrelation mit dem Statement „Viele Juden versuchen aus der Vergangenheit ihren Vorteil zu ziehen“ aus. Der Ärger über die Vorhaltungen der Verbrechen ist eng verknüpft mit dem Verdacht, dies geschehe seitens der Juden um eigener Vorteile willen. Die Zustimmung zu dem entsprechenden Item „Die Juden nutzen die Erinnerung an den Holocaust heute für ihren eigenen Vorteil aus“ ist zwischen 1990 und 2002 unter Westdeutschen von 39% auf 54%, unter Ostdeutschen noch stärker von 20% auf 45% angestiegen. Es könnte sein, daß hier die Debatten über die „erbenlosen Vermögen“, die Zwangsarbeiterentschädigung sowie über das Buch Finkelsteins zur „Holocaust-Industrie“ seit 1998 der Vergangenheitsbewältigung eine primär materielle Dimension gegeben haben, wobei an die alten Vorbehalte gegen „Wiedergutmachungszahlungen“ seit den frühen 1950er Jahren angeknüpft werden kann. Diese Ablehnung einer Verantwortung für die NS-Opfer, vor allem wenn diese sich nun sehr stark auf materielle Kompensation bezieht, könnte sich abschwächend auf die Tabuisierung des Antisemitismus auswirken, so daß antisemitische Einstellungen möglicherweise offener geäußert werden als früher – und dies nicht nur am rechtsextremen Rand.

6. Das Schweigen der Gegenkräfte

Das Risiko, auf antisemitische Äußerungen hin negativ sanktioniert zu werden, hängt wesentlich davon ab, ob es Personen gibt, die bereit sind, die Sanktionierung bis hin zu Formen der öffentlichen Skandalisierung zu übernehmen. Die GMF-Daten aus 2002 weisen darauf hin, daß die Bereitschaft, antisemitischen Äußerungen entgegenzutreten, im privaten Bereich offenbar eher gering ist. Daß diese Bereitschaft in den letzten Jahren abgenommen hat, kann man – einem Hinweis von Ulrich Beck folgend – damit erklären, daß die Politik Israels es vielen Kritikern des Antisemitismus erschwert, sich gegen die Kritik an Juden zu exponieren. Aus dieser Grundhaltung heraus wählen sie in Konfliktsituationen jetzt eher die Option „silence“ als die Option „voice“. Gerade weil sich seit Beginn der Zweiten Intifada im Oktober 2000 Antisemitismus zumeist an Entwicklungen im Nahen Osten festmacht, ist es um so wahrscheinlicher, daß sich die Protagonisten der Bekämpfung von Antisemitismus, die in Deutschland ihre Motive primär aus den Folgen des Antisemitismus in der deutschen Geschichte beziehen, seltener gegen antisemitische Äußerungen exponieren, weil diese nicht diesen Vergangenheitsbezug haben, sondern sich auf Israel oder die Rolle der amerikanischen Juden im Nahostkonflikt beziehen.

7. Zur Zukunft der Kommunikationslatenz

Was bedeuten nun die vorgetragenen Erosionselemente für die Zukunft? Dazu ist es zunächst wichtig, sich der Qualität des „Instruments“ zu vergewissern, derer sich die Kommunikationslatenz bedient. „Oft ist die offizielle Abwehr antisemitischer Äußerungen nichts weiter als eine Bekräftigung eines politischen Tabus. Tabus können nützlich sein, wenn man sonst nichts hat, aber auf lange Sicht bewirken sie keine Einsichten, sondern nur Resistenzen.“ Die zwingende Durchsetzung einer Kommunikationslatenz forciert also nicht differenzierte Sichtweisen, sondern ist eine defensive „letzte Option“. Das Tabu kann immer wieder stabilisiert werden, wenn es zu Normverstößen kommt, also die „Grenzen des Sagbaren“ verschoben werden sollen. Dann bietet sich jeder Gesellschaft immer wieder die Chance, durch Intervention die Normgrenzen zu stabilisieren, d. h. die Gesellschaft vergewissert sich bisher geltender Normalitätsstandards. Dies ist z. B. im Falle Hohmanns, nach langem Zögern, noch einmal gelungen. Gleichwohl, die Basis der Kommunikationslatenz ist selbst riskant, weil auch eine Reaktanzlatenz immer mitschwingt. Diese kann sich darin ausdrücken, daß sich der Antisemitismus vom Bezug auf die deutsche Geschichte zu lösen beginnt und sich verstärkt in der Politik Israels ein neues Objekt sucht. Die Wende von irrationalen verschwörerischen Vorurteilen zu evidenten, öffentlich via Medien sichtbaren Ereignissen eröffnet das Tor zur politischen Mitte. Die empirischen Ergebnisse zeigen das Ausmaß der Verbreitung von Einstellungen, die mit dem Entschuldungsverlangen gekoppelt sind. Wer aber sorgt für die Stabilisierung der Normgrenzen bei weiteren Versuchen, diese zu durchbrechen? Dabei ist an die Theorie der Schweigespirale zu erinnern, die besagt, daß Personen, die den Eindruck haben, sie gehören mit ihrer Meinung zur Mehrheit, ihre Positionen umso vehementer vertreten als wenn sie sich subjektiv in der Minderheit fühlen. Die offene Frage für die Zukunft wird sein, in wieweit politische Eliten mit dem Gespür für Mehrheiten, die sie sich „in der Mitte“ sichern wollen, dann noch die Kraft und den Mut aufbringen, weiterhin Normgrenzen zu setzen. Wir haben es hier möglicherweise in der Zukunft mit einem riskanten Wechselspiel zwischen Eliten und größeren Teilen der Bevölkerung zu tun, mitsamt einem gefährlichen Dilemma. Das besteht darin, daß die Effektivität von politischen Tabus drastisch nachläßt, weil „rationale“ Umwegkommunikationen praktiziert werden. Gleichwohl kann man Tabus nicht einfach aufheben, weil niemand weiß, ob ein differenzierter Diskurs möglich ist. Wer kann einen differenzierten Diskurs durchsetzen?

Kontakt: Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Dr. Andreas Zick (zick@uni-bielefelde.de )

weitere Ergebnisse in: Heitmeyer, W. (Hrsg.)(2004). Deutsche Zustände, Folge 3. Frankfurt a. Main: Suhrkamp Verlag.