Einschätzung

Wir, das sind die, die diese Doku gemacht haben. Wir, das sind einige Leute, die sich im Anschluß an die Frankfurter Ereignisse im - sich damals ergebenden Anlaufpunkt-"Libertären Zentrum" getroffen und zusammengesetzt haben, um mehr als nur eine Durchsicht der erschienenen Presseberichte zu machen. Wir, das sind unterschiedlich denkende Leute aus dem autonomen/anarchistischen Spektrum.

Was wir wollen ist einfach:

WIR WOLLEN ALLES, UND ZWAR SO SCHNELL WIE MÖGLICH!

Der Schwarze Block, der allenthalben in der Presse auftaucht, ist eine Erfindung der Bullen. Dieser Begriff wurde jedoch, umso williger von der Presse übernommen, weil er eine handhabbare Definition für die Öffentlichkeit darstellt: Lediglich das äußere Erscheinungsbild einiger - vor allem bei Demonstrationen auftauchender - Leute, wird durch diesen Begriff beschrieben. Aber da muß mindestens eine kriminelle Vereinigung dahinterstecken, denn ohne Organisation, Partei oder Verein darf in Deutschland niemand etwas wollen, schon gar nicht auf der Straße. Wir sind ein Teil dieser Leute und meinen in de Folge, wenn von "wir" gesprochen wird, einen Großteil derer, die (Falsch wie es ist) im Schwarzen Block gesehen werden.

Wir sind viele, öfter sogar zahlenmäßig die größte Einzelgruppierung innerhalb von Demos, Protestveranstaltungen usw. Fast ausschließlich aber nehmen wir nur teil, bzw. werden wir inhaltlich von anderen Gruppierungen vereinnahmt oder finden uns plötzlich unter dem Gesamtbegriff "demokratische Antifaschisten" in Zeitung, Rundfunk und Fernsehen wieder. Unsere Inhalte sind aber alles andere als demokratisch, systemerhaltend.

Unsere "Inhalte" stellen sich als kaputte Scheiben oder indirekt als Distanzierungen anderer Gruppierungen dar: Wir sind dann für die anderen die hirnlos randalierenden Chaoten und Krawallmacher. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn an uns immer wieder die Gewaltfrage als einzige "inhaltliche" Auseinandersetzung herangetragen. Das heißt jetzt nicht, daß wir eine gezielte Entglasungsaktion falsch finden, im Gegenteil. Aber irgendwie ist das Gefühl da und der Kopf sagt: Das reicht nicht, da fehlt einiges. Im Laufe der Diskussionen unter uns, kamen wir dazu den Begriff Militanz und was im allgemeinen damit verbunden wird zu hinterfragen. Es kam dabei heraus, daß für uns Militanz bedeutet, jede erdenkliche Möglichkeit wahrzunehmen (d.h. mehr als Steine schmeißen), um diese Gesellschaft abzuschaffen und eine neue, herrschaftslose, aufzubauen. Durch unser eingefahrenes Handeln bestätigen wir oft das Klischee, das von uns gezeichnet wird. Aktionen, die geplant oder auch spontan gemacht werden, müssen vermittelbar bleiben und über die Scene-Kreise hinaus vermittelt werden. wir sehen Militanz nicht nur als etwas rein militärisch-strategisches.

Die Erfahrungen von Neustadt-/Weinstraße führten dazu, daß sich einige Leute zusammensetzten, um gegen das NPD-Treffen etwas eigenes auf die Beine zu stellen. (Entweder das,oder gar nicht hingehen.) Es kamen mehr Leute als erwartet und der bunte Haufen sprach trotz der kurzen Zeit eine Menge Dinge an, so daß wir am 28.9. in der Lage waren, wenn auch unzureichend, uns selbst zu artikulieren und nicht nur als schweigende Mehrheit dazustehen. Von den späteren Ereignissen am 28.9. wurden wir total überrollt:Auf einmal mußten wir uns mit einem Mord auseinandersetzen. Doch die (minimale) Vorbereitung auf das NPD-Treffen versetzte uns in die Lage selbst was machen zu können: Mit Mega informieren, organisieren; Räumlichkeiten und Telefon im (noch nicht einmal eröffneten) Libertären Zentrum wurden sofort zur Verfügung gestellt. Alles war nur ein Minimum, aber es war trotzdem viel: Soviel, daß durch unser sofortiges Reagieren und Handeln im Libertären Zentrum ein Knotenpunkt entstand. Infoaustausch, Pressekonferenzen, Treffen der Angehörigen Günters mit der Anwaltin, Flugblattdiskussion usw.

Als erstes Ergebnis müssen wir also festhalten: Die von vielen so "ungeliebte" organisatorische Arbeit (im Vorfeld, während und nach den Demos) hat z.B. bei uns ,die wir diese Doku machen, mehr bewirkt und in Bewegung gesetzt, als wenn wir nur an "unorganisierten" Aktionen teilgenommen hätten. Nicht 2uletzt die inzwischen begonnene kontinuierliche Arbeit an einigen Ansätzen wurde durch unser Auftreten und Verhalten während der Woche nach Günters Tod mit beeinflußt. Als zweites Ergebnis sehen wir die Tatsache, daß es weder den Grünen, noch dem DKP-Spektrum noch sonstwem gelungen ist, die gesamten Ereignisse, in Zusammenhang mit der Antifa-Veranstaltung, für sich zu vereinnahmen. Genau das, was wir durch unsere Vorbereitung verhindern wollten, nämlich unsere Vereinnahmung gerade durch die, die bei solchen Gelegenheiten damit genügend Erfahrungen und Erfolg hatten, ist uns gelungen. Nicht nur, daß wir uns abgrenzen konnten, sondern es gelang uns endlich einmal, ein Minimum an eigenen Inhalten rüber-zubringen.

In diesen paar Tagen erlebten wir zusammen gemeinsames politisches Diskutieren, Organisieren, Handeln. (Der Job wurde geschmissen oder es wurde Urlaub genommen, die Schüler schwänzten, usw.) Unsere gemeinsamen Aktionen machten unseren Alltag aus. Leute, die allein, zu zweit ... wohnen-/leben, kaum oder wenig in verbindlichen Zusammenhängen sind, erleben wieder Gemeinsamkeiten, Ansätze von Kollektivität. Aus diesem WIR-Gefühl entwickelt sich auch unsere Stärke.Ein stückweit war spürbar geworden, was wir unter gemeinsamen Leben verstehen. Heute und hier schon anzufangen, unter uns Herrschaft-/Unterdrückung ... abzuschaffen, und damit nicht auf eine ferne Zukunft zu warten. Vieles lief auseinander, als die orientierende Perspektive an Aktionen nicht mehr gegeben war. In dem Moment, wo wir aus freien Stücken zusammen hätten weiterarbeiten können, verschwand das gemeinsame Gefühl der Stärke, weil wieder nur wenige weitermachten.

Auf der Beerdigungsdemo wurde ein eigenständiger Redebeitrag gehalten. Auch die Beerdigungsdemo selbst, die von den Bündnisgruppen einzeln und sehr unterschiedlich vordiskutiert wurde, ist nicht von irgendwelchen Parteien, Vereinigungen oder anderen Leichenfledderern (es war z.B. auch eine Kranzniederlegung vorm Römer im Gespräch) organisiert worden. Die Betroffenen aus dem JUZ selbst setzten durch, wo lang und wie die Demo laufen sollte. (Das ging nicht alles konfliktlos.)

Als drittes Ergebnis muß erwähnt werden: Wir haben unseren Einfluß dazu genutzt, um Parteienklüngel und politische Richtungskämpfe außen vor zu lassen. Gemeinsam mit allen möglichen Leuten und Gruppen wurden Vorgehensweisen usw. abgesprochen, wobei von vornherein eindeutig klargemacht wurde, daß keine einzelne Gruppe ihr Konzept bzw. ihre Inhalte als gemeinsamen Rahmen für alle , durchsetzen könnte. Die Mahnwache war z.B. Keine Aktion des DKP-Spektrums alleine und die Kundgebungen wurden nicht als Tribüne für grüne Flügelkämpfe zugelassen. Durch aktive Mitbeteiligung wurde unsere Vereinnahmung verhindert: Im Falle der Grünen wurde diesen klargemacht, daß sie überhaupt nichts zu reden hätten, wenn sie nicht ihre Parteiauseinandersetzungen weglassen.

Auf der anderen Seite wollen wir hier aber auch negative Punkte ansprechen. Das erste ist, wie eigentlich immer, die Tatsache, daß alles, was wir in dieser Zeit gemacht haben, total unter Streß, mit völligem Zeitdruck lief. Für das, was von unserer Seite gemacht wurde, warn wir zu wenige, die sich aktiv eingeklinkt haben. Vor allem aber sind uns Dinge aufgestoßen, die sich aus Diskussionen und Aktionen ergaben. Den Spontis wurde z.B. vorgeworfen, sich in Nischen dieser Gesellschaft eingenistet zu haben und letztendlich eine systemtragende Funktion zu spielen. Abgesehen davon, daß dieser Vorwurf sich auf ganz bestimmte Teile der Spontis bezieht (Minister und Zubehör) und völlig außer Acht läßt, daß z.B. einige auch heute noch weitermachen und unter anderem mit uns zusammenarbeiten, (das sind auch die einzigen, die die Erfahrungen der letzten 10 Jahre überhaupt noch weitervermitteln.) Die Frage stellt sich trotzdem: Sind wir nicht auch Nischengänger? Auch wir gehen konform, indem wir Arbeitsbedingungen annehmen, die wir ablehnen. Auch wir zahlen Miete oder überweisen Stromrechnungen, obwohl wir ja gegen AKW's anrennen.

Geradezu peinlich wird es dann, wenn wir erleben müssen, wie mitten in der größten Randale plötzlich unbekannte Leute auftauchen und mit uns gegen das "Schweinesystem" fighten. Klar, Provokateure gibt's, aber Paranoia macht uns handlungsunfähig. Noch konkreter: Da war eine Bullengruppe , die einige Leute von uns umringten und einmachen wollten. Plötzlich tauchten ausländische Jugendliche auf und griffen die Bullen mit Steinen an. Unsere Leute wurden befreit. Und nach dem Streetfight waren wir nicht in der Lage, gerade solchen Jugendlichen auf ihre täglichen Probleme zu antworten. Sollen sie ihre Kohle beschaffen, ihre Lehre und ihren Job machen wie wir? JEDEM SELBST ÜBERLASSEN?

Wir sollten uns fragen lassen, inwieweit wir, wenn wir es nicht schaffen sollten unseren Widerstand auf andere Bereiche auszudehnen bzw. nicht mehr so isoliert dazustehen, eine staatstragende Funktion übernehmen, indem wir als kontrollierbares Ventil für aufgestaute Wut dienen. Der zeitlich und örtlich begrenzteWiderstand auf der Straße ermöglicht es der anderen Seite immerhin, Gegenformen zu entwickeln, zu trainieren und (wie uns wohl allen am Beispiel der Kesselmanöver klar geworden ist ) weiter zu entwickeln.

Aufstand ist für die Herrschenden keine zukünftige, fiktive Sache mehr, sondern Gegenstand heutiger Vorbereitung und drückt sich im Auf-standsbekämpfungskonzept aus. Wenn wir von der Realität der heutigen Gesellschaftsverhältnisse ausgehen, sind wir uns im Klaren, daß unsere Ansprüche nur ganz geringe konkrete Ansätze verwirklicht haben. Immerhin es gibt sie, wie z.B. eine Jobber-Initiative. Vielleicht eine mögliche Perspektive das Problem der Kohlebeschaffung aus der "privaten Sphäre herauszureißen und unserem Anspruch nach gemeinsamen Handeln ein wenig Wirklichkeit werden zu lassen. Die mangelnde Auseinandersetzung mit den Formen des Konkreten Widerstandes (nicht nur auf der Straße) ist zukünftig genauso zu klären, wie die bisher oberflächliche Auseinandersetzung mit "alternativen" Formen des Lebens.

Wir reagieren nur auf Veränderungen des gesellschaftlichen Status-Quo und setzen dem selten eigenes, vor allem selten gemeinsames, entgegen. Die Bereitschaft etwas zu tun, entsteht dann meist auch nur, wenn wir angegriffen werden. So werden wir uns auch immer wieder "wundern", wenn wir feststellen müssen, daß unsere Ausdrucksweise der Systemablehnung durch Äußerlichkeiten (lange Haare oder Iro, Parka oder Lederjacke, bemalte oder vernietete Klamotten) ruckzuck hinter unserem Rücken zur allgemein anerkannten Mode werden. Andere Ansäze alternativer Lebensformen, die es uns ermöglichen sollten politisch mehr gemeinsam zu handeln (Wohngemeinschaften), werden als Organisationsformen (ihres ursprünglichen Inhalts be-raubts) mittlerweile gegen uns benutzt: u.a. Wohngruppenvollzug. DAS "LEBEN ALS REVOLTE" SCHEINT UNTER DER HAND VERKÜMMERT ZU SEIN!

Noch ein Wort zu den Demonstranten"zahlen". Tatsächlich hat es uns gewundert, daß an der Kundgebung und Demo am Dienstag "nur" ca 2500 - 3000 Leute erschienen waren. Es ist sicherlich nicht überflüssig, darüber nachzudenken. Zwei Dinge aufzuzeigen ist uns zunächst hierzu wichtig.

Erstens waren es nach unserer Meinung "nur" knapp 3000, weil das bunte Spektrum der "Linksliberalen", wie sie z.B. bei den Friedensdemos in riesigen Zahlen auftauchten, von den Abläufen am Sonntag abgeschreckt wurden. Die massenhafte Bullenpräsenz, Ausnahmezustand und Einkesselungs-manöver (Hbf - Sonntag / Hufnagelstr. - Sonntag) haben einen Teil dazu beigetragen. Ein anderer Teil der "abschreckenden" Wirkung kann auch daher kommen, daß für jeden ersichtlich war: Diese Demos und Kundgebungen sind kein allgemeines demokratisches Blabla und Gelatsche, und diejenigen, die z.B. zum Dienstag aufgerufen und die Inhalte abgegrenzt haben, boten nicht den lockeren Rahmen, der für "breiteste demokratische Bündnisse" taugte. (Schweigen für den Frieden oder so, war nicht zu erwarten. )

Das Zweite, was uns auffiel, war die Tatsache, daß es "immerhin" knapp 3000 waren, weil eine Menge Leute auftauchte, die sonst nicht regelmäßig bei Antifa-Demos usw. dabei sind. Leute, die im weitesten Sinne zum autonomen Spektrum zahlen, sich auch so begreifen, aber so "Routinedemos", wie am 28.9. vor dem Haus Gallus nicht so wichtig sehen. Diese Leute tauchten an den folgenden Tagen auf, weil da ein Toter zu "beklagen" war. Es ist nur ein Zufall, daß bei Bulleneinsätzen dieser Art, wie z.B. am 28.9., nicht schon mehr Leute krepiert sind.

Dies ist nicht zuletzt auch einem guten Demo-Sanidienst zu verdanken. Menschen, die ihr Leben lang durch solche Einsätze an den Folgen zu tragen haben (wie z.B. 1974, als Thomas Hytrek durch einen Wasserwerfer zum Krüppel gefahren wurde), interessiert hier anscheinend eh kein Schwein. Es scheint so als ob "nur" ein Toter "es schafft", daß so mancher den Arsch hochkriegt.

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